DEUS EX MACHINA

Wieder einmal schwor sich Peter, das Rauchen aufzugeben, als er kurzatmig einen der Stahlpfeiler der Stadtbahn erklomm und lauschte, ob sich ein Zug näherte. Und genauso schnell verwarf er den Gedanken wieder, als er den schwarzen Qualm aus einem Fabrikschlot einatmete. Es machte keinen Unterschied, seine Lunge war ohnehin schon verrußt.

Die Stahlträger vibrierten und Peter duckte sich unter einen Träger, an dem er sich gut festhalten konnte. Mit ohrenbetäubendem Lärm walzte die Stadtbahn über ihn hinweg, doch er konnte sich nicht die Ohren zuhalten. Als das Ungetüm verschwunden war, hastete er über die Gleise auf den Tunnel zu. Keine Sekunde zu früh sprang er auf den Seitenlauf in der Dunkelheit hinunter, denn der gegenläufige Zug raste heran. Mit Entsetzen bemerkte Peter den Überhang des letzten Wagens, der Stahlplatten geladen hatte. Es schien kein Entkommen zu geben. Seine Hände tasteten nach der Türöffnung, in der Hoffnung, dass sie ihm Schutz bot, doch er fand sie nicht.

Hände packten ihn und rissen ihn nach unten in einen kurzen Treppenlauf, kurz bevor ihn die Stahlplatten zerquetschen konnten. In der Dunkelheit des Tunnels konnte er nichts von seinem Retter erkennen, er ließ sich nur von ihm in Sicherheit bringen.

"Idiot!", zischte der Mann hinter ihm, während Peter in einen spärlich beleuchteten Raum geschoben wurde. "Fahrpläne lesen wäre kein schlechter Anfang, um sich vor unliebsamen Überraschungen zu sichern."

Peter sah sich um und betrachtete seinen Retter, der unter einem einsamen Glühstrumpf ohne Schirm stand. Ein fast blinder Spiegel an der Wand warf das Licht zurück und schuf ein seltsam unwirkliches Zwielicht. Trotzdem erkannte Peter die Person sofort, die sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen die wieder verschlossene Tür lehnte. Der junge Lord Wilson sah seinem Vater nicht im Geringsten ähnlich, aber Peter hatte ein Bild der früh verstorbenen Lady Wilson gesehen. Der junge Mann war ihr männliches Ebenbild. Hoch aufgeschossen, schlank und im Gegensatz zu seiner Schwester dunkelhaarig und mit dunklerem Teint. Seine schwarzen Augen funkelten, aber eher belustigt. Peter seufzte innerlich, als ihm klar wurde, was das bedeutete. "Sie haben mich erwartet!", stellte er ernüchtert fest.

"Meine Schwester warnte mich, dass mein Vater zu ungewöhnlichen Mitteln greift, um mich aufzuhalten. Sie hat zwar Angst vor dem, was ich anstellen könnte, steht aber in der Sache voll und ganz hinter mir." Kieran Wilson löste sich von der Tür und zog zwei klapprige Stühle heran.

"Welche Sache?", fragte Peter und setzte sich auf den angebotenen Stuhl.

"Sie wissen, welche Sache. Die Pazuzu darf nicht in Dienst gestellt werden."

"Warum nicht?"

"Haben sie sich noch nicht über die Pazuzu informiert? Naja, gut, das Wichtigste werden sie auch nirgendwo erfahren, denn das ist geheim. Ich glaube, außer der Familie kennen nur zwei Ingenieure und zwei Ärzte das 'Geheimnis'. Das Geheimnis um die neuartige Steuerung des Luftschiffes. Für die Bedienung wird künftig nur eine einzige Person notwendig sein." Auch Kieran setzte sich. Er klang verbittert und in seinem Gesicht spiegelte sich Resignation.

Peter musterte ihn eingehend, um herauszufinden, gegen wen sich Kierans Abneigung richtete. Erleichtert stellte er fest, dass nicht er der Grund war, denn ihm war alles andere als wohl bei dem Gedanken, dem jungen Mann ausgeliefert zu sein, der das Terrain kannte und möglicherweise auch eine Waffe besaß. "Nun, ich habe es natürlich versucht, aber mehr als ein paar Gerüchte habe ich nicht zu hören bekommen. Wegen der Stahlkrise hat man versucht, das ganze Luftschiff aus neuartigen Materialien herzustellen, aus Kohle oder Aluminium, ich kenne mich da nicht aus. Der Antrieb soll aber nach wie vor dampfgetrieben sein, neu soll nur die Steuerung werden. Das ist wohl auch das größte Geheimnis, aber wer wird schon der Konkurrenz zu viel verraten wollen. Verwundert hat mich der Name Pazuzu. Das ist doch irgendein alter Dämon oder eine Gottheit."

"Pazuzu ist ein Dämon aus der sumerischen und akkadischen Mythologie, der personifizierte Südostwind, der Fieber, Pest und Kälte bringt. Man hat ihn auch als Symbol dargestellt für das ganze Projekt, ein Mensch mit Hundekopf, Adlerfüßen und Skorpionsschwanz, der vier schwarz gefiederte Flügel hat. Kein gutes Omen für ein Luftschiff, aber bezeichnend für den Wahn, der zur Entwicklung dieses Schiffes führte." Kieran holte tief Luft und in seinem Gesicht arbeitete es heftig, als ob er nicht sicher war, was er dem Detektiv alles sagen sollte, musste oder wollte.

Schließlich schien er sich entschieden zu haben und fuhr fort, zu erzählen: "Das Problem war, die sehr komplexe Steuerung des Schiffes auf kleinstem Raum unterzubringen, damit möglichst wenig Personal zur Schiffsführung benötigt wird. Luftschiffpersonal, sofern nicht mit der Betreuung von Passagieren befasst, ist sehr teuer, denn es sind immer Spezialisten in ihrem Fach. Datenverarbeitende Maschinen waren nur ein Teil der Lösung, es musste eine 'intelligente' Steuerung her, die auch intuitiv handeln kann. Aber das kann nach wie vor nur ein Mensch, eine Maschine wird das nie hinbekommen. Man kann vieles komprimieren, viele Schaltungen auf ein einziges Steuerpult bauen, aber alles zu überblicken ist nahezu unmöglich.

Mein Vater hat eine Lösung für dieses Problem gefunden. Allerdings kommt er dabei mit dem §328, Artikel 5 in Konflikt. Kennen sie den? Mein Vater selbst kommt gerade noch darunter weg."

Peter runzelte die Stirn. Er hatte von diesem Paragrafen gehört, wusste aber aus dem Stegreif nicht, von was er handelte. Als Kieran sich bei der letzten Bemerkung über seinen Vater an sein rechtes Auge tippte, erinnerte er sich.

"Der Prothesenparagraf!", platzte es aus ihm heraus. "Man darf nicht mehr als ein Fünftel des Körpers durch künstliche Bauteile ersetzen oder einen Körper künstlich am Leben erhalten." Und plötzlich dämmerte es ihm, worauf Kieran hinaus wollte. "Er hat doch nicht etwa...?"

.

.

ZURÜCK