Berufspendlers Morgen-Grauen
Ein Jeder, der sich jeden Morgen hinter das Steuer seines Autos klemmen muss, um aus Hessisch-Kongo oder irgendeiner anderen deutschen Pampas in die nächstgelegene Stadt zu seinem Arbeitsplatz fahren, wird diese Situation kennen. Diese Menschen werden sich jetzt vermutlich mit einem Seufzer zurücklehnen und sich freuen, dass sie Leidensgenossen haben, alle Anderen mögen schmunzeln oder abwinken, was auch immer sie davon halten.
Berufspendler können nämlich hellsehen! Es gibt in ihrem Leben so ein paar lichte Augenblicke, leider sind es nie angenehme Dinge, die sie voraussehen können. Denn das Ergebnis dieser Visionen lautet grundsätzlich: Ich komme heut zu spät zur Arbeit.
Ohnehin schon im Zeitdruck, weil die Kinder mal wieder trödelten, war ich schon etwas geladen, als ich die Blagen endlich im Auto hatte, um sie in die Schule, bzw. in den Kindergarten zu fahren. Meine Vision kam dann, als ich aus unserer Straße hinaus auf die Hauptstraße durch den Ort einbiegen wollte. Kleine Zusatzinformation vielleicht: Die Hauptstraße hat das zulässige Maximum an Gefälle, das eine Straße haben darf: 13%. Und just in diesem Moment schnaufte ein uralter Hanomag-Traktor mit dem obligatorischen, leicht archaisch wirkendem und zum Teil mit Karies befallenen Mähbalken an der Seite den Berg hoch. Auf dem harten Sattel des gerade mal in Schritttempo fahrenden 18PS-Ungeheuers saß Ortslandwirt-Senior, eigentlich schon lange im Ruhestand befindlich und ein echter Bauern-Archetyp. Rund und leicht buckelig mit einem Gesicht, das man für diese speziellen Fratzen-Spaßpostkarten in seiner Zahnlosigkeit verwenden könnte. Pfeife zwischen den nach innen gezogenen Lippen inbegriffen. So hing er stur über das gigantische Lenkrad gebeugt, die Landmannskappe tief ins Gesicht gezogen und unter dem Schirm hervorschielend.
Und mir war in dem Moment, als er endlich vor mir vorbei getuckert war, klar, dass ich eine Weile länger in die Firma brauchen würde. Zunächst fuhr ich erst mal den Berg runter, ein Stoßgebet zum Himmel schickend, er möge tatsächlich irgendetwas auf seinen Äckern oben am Berg zu tun haben, aber mit nur wenig Hoffnung. Denn das war schon lange Aufgabe des Sohnes mit dem neuen, mit superbreiten, auf unserem Seitenmoränen-Lößlehmboden völlig überflüssigen Terrareifen bestückten, John-Deere-Hightechschlepper.
Und in der Tat, nachdem ich meine Kinder zu ihrer Vormittagsbeschäftigung gebracht hatte, konnte ich mich nur resigniert in die lange Schlange derer einreihen, die auf der Landstraße bereits in die Falle getappt waren. Auf weite Strecken keine Chance für die armen Pendler sicher zu überholen, konnte sich der Alte als Gott des Autofahrerwahnsinns fühlen auf seinem regelmäßigen Staatsbesuch beim Landmaschinenhändler in der nahen Kleinstadt. Immerhin konnte ich bis zu ihm aufschließen, kurz bevor er ohnehin abbog und ich wieder freie Bahn bis zum nächsten Nadelöhr auf meinem Arbeitsweg hatte.
Wenn ich so über mein Lenkrad streiche, spüre ich die kleinen Vertiefungen, die sicher auch noch andere Autofahrer am Steuer ihres fahrbaren Untersatzes haben: Die Spuren, welche regelmäßiges In-das-Lenkrad-beissen hinterlässt.
